Dr. phil. Brigitte Augustin

bullet1 Henriette Schrader-Breymann: Ihr Werden und Wirken

bullet2 Jugendjahre

Henriette Schrader-Breymann – eine Pionierin sozialpädagogischer Arbeit

Henriettes Jugendjahre



Henriette Breymann, sog „Genfer Portrait“


Das 19. Jahrhundert Deutschlands, das in der ersten Hälfte als ein Zeitalter zwischen Restauration und Revolution und in der zweiten Hälfte als geprägt von Nationalismus und Imperialismus beschrieben werden kann, in dem neue Ideen der Kleinkinderziehung und der Stellung von Mann und Frau diskutiert werden und das ganz im Aufschwung der Industrialisierung steht, gibt den Hintergrund ab, vor dem sich eine ungewöhnliche Frauenbiografie abspielt. Es ist die Zeit, in der Dänemark von den Ideen Grundtvigs und seiner Volkshochschulbewegung geprägt wird.


Angelernt durch Fröbel, aufbauend auf den Ideen Rousseaus und besonders Pestalozzis, entwickelt Henriette Schrader-Breymann – durchaus auf der Grundlage gesellschafts-politischer Strömungen stehend – ihre Bildungs- und Berufsvorstellungen für junge Mädchen und Frauen. Sie steht der gemäßigten deutschen Frauenbewegung nah, aber tritt ihr  nicht offiziell bei. Sie steht mit großen Persönlichkeiten ihrer Zeit in Verbindung, aber liebt doch die Ruhe der Familie. Sie bereist viele Länder und hält Vorträge über ihre Arbeit, aber sie zieht sich auch immer wieder in sich selbst zurück.  – Doch der Reihe nach.


Als die erste Staatsbahn in Deutschland im November 1838 mit einer 11,8 km langen Strecke von Braunschweig nach Wolfenbüttel eröffnet wird, ist Henriette gerade elf Jahre alt. Geboren wird sie am 14. September 1827 im ländlichen Mahlum (in der Nähe von Bockenem/Harz) als älteste von neun Geschwistern, im Kreise derer sie eine glückliche Kindheit verlebt. Ihr Vater ist Pastor, ihre Mutter entstammt stammt aus der gehobenen Mittelschicht und ist eine Cousine von Friedrich Fröbel.

 Schon als Kind stellt sich eine schwache gesundheitliche Konstitution heraus, die sie ihr ganzes Leben begleiten wird. Vielleicht durch diese vielen Krankheiten begünstigt, entwickelt Henriette sich zu einem schwierigen Kind mit hohen Ansprüchen an die Umwelt und weitgehender Lernunwilligkeit. Nach diversen Fehlschlägen in ihrer schulischen Bildung schicken die Eltern Henriette im Alter von 21 Jahren zu ihrem Großonkel Friedrich Fröbel (1782 – 1852) nach Keilhau/Thüringen. Zu dieser Zeit hat Fröbel mit seinen neuen Ideen zur Kleinkindbetreuung und -förderung schon reichlich öffentliches Interesse geweckt und erhält Zulauf aus den verschiedensten Kreisen. So findet z.B. bald nach Henriettes Ankunft über mehrere Tage die große Lehrerversammlung vom 17. – 19. August 1848 in Rudolstadt statt, auf der heftig über die Zukunft der Kindergärten diskutiert wird und auf der Fröbel die Ausbildung von Frauen für diese Arbeit fordert und die mit folgendem Beschluss endet: „Die deutschen Regierungen, sowie die Reichsregierung sollen ersucht werden, die Idee der Kindergärten in ernste Erwägung zu ziehen und mit Benutzung des reichen Fröbelschen Beschäftigungsstoffs die Gründung von Kindergärten, sowie die Bildung von Kindergärtnerinnen, wo nötig auch durch Geldmittel zu fördern.“ Auf die Ideen Fröbels soll hier an dieser Stelle näher eingegangen werden.

Als Henriette nach Keilhau kommt, hat die Fröbelsche Anstalt bereits einen Entwicklungsprozess hinter sich. Gegründet 1818 mit Kriegsgefährten aus den Befreiungskriegen werden anfangs die Neffen Fröbels unterrichtet, zu denen dann andere Kinder hinzukommen. Das Umfeld ist unkonventionell, man redet sich mit „Du“ an, es gibt das einfachste Essen und man singt Freiheitslieder. Nach unruhigem Hin und Her festigt sich bei Fröbel der Gedanke, der frühkindlichen Entwicklung als Grundlage einer positiven Menschheitsentwicklung stärkere Beachtung zu schenken. Er entwickelt in seiner naturphilosophischen Pädagogik, die die stufenmäßige Entwicklung des Kindes berücksichtigt, so genannte Spielgaben, wie Kugel, Würfel, Stäbchen, um an diesen zum einen das Verhältnis der Teile zum Ganzen zu verdeutlichen und zum anderen die Schöpferkraft des Kindes zu fördern. In diesem Sinne fungiert auch sein bekanntes Buch „Mutter- und Koselieder“ (1844). Es besteht aus einer Sammlung kleiner Sprüche und Lieder sowie aus Spielen, die zur Übung motorischer Fähigkeiten dienen. Dieses Buch soll die Bindung zwischen Mutter und Kind unterstützen und zieht am Beispiel der Mutterliebe einen Bogen zur gesamten Natur.


Fröbel entwickelt die Idee einer Spiel- und Bildungsstätte für Kinder, die er 1840 zum ersten Mal als „Kindergarten“ bezeichnet. Für die Betreuung der Kinder geht er von der Annahme aus, dass Frauen am besten geeignet seien, die Kinderbetreuung wahrzunehmen. In ihnen liege eine ihrem Wesen entsprechende erzieherische und pflegerische, eine mütterliche Kraft. Diese mütterliche Kraft sieht er für alle Frauen gegeben, also auch für diejenigen, die keine eigenen Kinder haben. Dies drückt die Vorstellung einer „geistigen Mütterlichkeit“ aus. Ein Begriff und eine Geisteshaltung, die Henriette Breymann später für ihre Arbeit übernehmen wird. Diese Kraft der „geistigen Mütterlichkeit“ bedürfe der Ausbildung. Er schuf damit die erste Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen. Für Fröbel gehört eine Ausbildungsanstalt für Erzieher und Erzieherinnen untrennbar mit dem Kindergarten zusammen als praktisch-lehrende Ausbildungsstätte.


Henriette Breymann taucht ein in diese neue Gedankenwelt. Die neuen Ideen, die elitäre Gruppe um Fröbel trägt sie aus den bisher als langweilig und trostlos empfundenen Bildungs- und Lebenserfahrungen des heimatlichen Umfeldes heraus, und sie nimmt engagiert an einem Ausbildungskurs für Erzieherinnen teil, den Fröbel in Dresden hält.


Nach gut einem Jahr der gemeinsamen Arbeit kommt es wegen Meinungsverschiedenheiten, die vielleicht in dem herrischen und unzugänglichen Wesen Fröbels begründet sind, zum Bruch zwischen den beiden. Henriette geht wieder ins heimatliche Pfarrhaus zurück, das nun nicht mehr in Mahlum, sondern wegen der Versetzung des Vaters auf eine neue Pfarrstelle im 30 km entfernten Watzum gelegen ist.

Hier unterrichtet sie anfangs die eigenen Geschwister. Sie bereitet sich dafür gründlich vor und führt für jedes Kind einen Entwicklungsbogen. Im Jahre 1854 eröffnet sie unter Mithilfe der Familie ihr erstes Pensionat für Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren, das zehn Jahre später auf einem neu gekauften Grundstück in Wolfenbüttel unter dem Namen „Neu-Watzum“ erweitert wi rd.


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