Dr. phil. Brigitte Augustin

bullet1 Henriette Schrader-Breymann: Ihr Werden und Wirken

bullet2 Erste Schritte

Henriette Schrader-Breymann – eine Pionierin sozialpädagogischer Arbeit

Erste Schritte ihres pädagogischen Wirkens


Pfarrhaus und Kirche in Watzum


Welche Ziele vertritt nun Henriette Breymann in ihrer Ausbildungsanstalt? Lassen wir sie selbst sprechen. In ihrem ersten Informationsblatt schreibt sie:


„Im Hause des Pastors Breymann zu Watzum, Herzogtum Braunschweig, werden Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren aufgenommen. Ihnen kann daselbst eine spezielle Aufsicht und mütterliche Pflege zuteil werden, weil der Kreis der Zöglinge kein sehr grosser ist und alle als Mitglieder der Familie betrachtet sind. Die Kinder erhalten mit der jüngsten Tochter des Hauses einen wohlgeordneten Unterricht. Sie werden schon früh in weiblichen Handarbeiten und kleinen häuslichen Geschäften unterwiesen. Den konfirmierten Mädchen kann daneben geboten werden:

    1. ausser der Sorge für deren weitere allgemeine Ausbildung täglich 2 – 3 bestimmte Lehrstunden, in welche verschiedene wissenschaftliche Gegenstände, sowie deutsche, englische und französische Sprache aufgenommen sind. Der Zweck dieses Unterrichts ist, auf der vorhergegangenen Schulbildung fortzubauen oder die Lücken auszufüllen, welche diese etwa noch gelassen, vor allem aber die Mädchen auf das Schöne und Grosse im Leben hinzuweisen, sie für dieses empfänglich zu machen und sie dazu anzuleiten, dass das, was sie in sich aufnehmen, ihr Eigen werde und seine Wirkung auf das praktische Leben sichtbar mache;

    2. bestimmte Einführung und Unterweisung im Hauswesen;

    3. gesellige Freuden, die der Ernst des Lebens nicht ausschliesst.

Das ganze Zusammensein des Hauses hat überhaupt den Zweck im Auge, die Mädchen innerhalb eines christlichen Familienlebens für ihren künftigen Beruf zu erziehen, der ja jeder weiblichen Persönlichkeit von der Natur angewiesen ist: die leitende oder helfende Hand zu werden in der Sorge für anderer leiblichen und gemütliches Wohl: einst Erzieherinnen der Kleinen zu sein, eigener Familienglieder oder der ihnen sonst anvertrauten Kinder; sowie überhaupt die jungen Mädchen dahin zu führen, dass ihre künftige Wirksamkeit im Hause eine segensreiche, ihre ganze Erscheinung eine wohltuende sei.“


Aus diesen Worten Henriette Breymanns wird deutlich, wie ihr Wesen, Denken und Handeln geprägt ist durch die Geistesströmungen ihrer Zeit. Wie sehen diese aus? Ausgehend von dem Diskurs über die gute Hausmutter des vorangegangenen Jahrhunderts verdichten sich zunehmend die männlichen Ratschläge zur ordentlichen Haushaltsführung und Kinder-Betreuung. In der Luft liegt noch Joachim Heinrich Campes (1746 – 1818) „Väterlicher Rath für meine Tochter“, das wohl bekanntestes und breit rezipierte Buch über Mädchenerziehung in seiner Zeit. Hier legt Campe seiner Tochter ans Herz: „O vernimm deinen ehrwürdigen Beruf mit dankbarer Freude über die große Würde desselben! – um beglückende Gattinnen, bildende Mütter und weise Vorsteherinnen des innern Hauswesens zu werden…“. Auf dieses Ziel hin werden auch Bildungsansätze für Mädchen diskutiert. Hier wird deutlich, dass es nicht um die Förderung weiblicher Eigenständigkeit geht, sondern der Bildungsgedanke zweckgebunden ausgerichtet ist auf die vor ihr liegenden Familienaufgaben. Dass darüber Diskussionsbedarf besteht, lässt sich denken. Als Ausdruck des Protest und auch des Zusammengehörigkeitsgefühls vieler Frauen organisiert sich 1865 der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ in Leipzig.


Henriette Breymann sieht sich somit hineingestellt in eine sich ausweitende Diskussion um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. In ihrer ersten kleinen Schrift „Zur Frauenfrage“ (1868) geht sie auf die Problematik ein und zeigt den Wandel auf, dem auch die Stellung der Frau unterliege. Sie weist aber gleichzeitig auf das ewig Bleibende der Bestimmung der Frau hin. So macht Sie in dieser Schrift deutlich, dass die Weiblichkeit der Frau sich nicht durch ihr Wissen oder Nichtwissen ausdrückt, sondern dadurch, wie eine Frau ihre Fähigkeiten und ihr Wissen weitergibt, nämlich „mütterlich pflegend“ und mit dem „Tact des Herzens“. In diesem Zusammenhang erwähnt Breymann auch erstmalig die „geistige Mütterlichkeit“, die nicht nur den leiblichen Müttern zuzuschreiben sei, sondern auch den mütterlichen Beruf charakterisiere.


Deutlich wird in dem späteren Wirken Henriette Breymanns, dass für sie das spezifisch Weibliche, die Familie als Grundzelle der Gesellschaft und die hauswirtschaftliche Bildung immer einen hohen Stellenwert haben. Doch sucht sie, die erst mit 45 Jahren heiraten wird und so anfangs von einem Leben ohne Partner ausgehen muss, nach einem Weg, der eine Berufstätigkeit für nicht verheiratete Frauen ermöglicht und dabei gleichzeitig die hohe Stellung der Familie und Mütterlichkeit berücksichtigt. Nur daraus ist es zu verstehen, wenn sie den Schwerpunkt ihrer Erziehungs- und Bildungstätigkeit auf die Vermittlung häuslicher Fertigkeiten und mütterlichen Erziehungskunst legt, die sie als Grundlage gelingender Vergesellschaftung versteht. Keine einfache Gradwanderung. - Sie setzt sich für eine moderne, zukunftsgewandte Berufstätigkeit der Frau ein, bei gleichzeitiger Hinwendung zur häuslichen Familienidylle.


Henriette Breymann vertritt zeitlebens eine dualistische Auffassung der Geschlechter-Verhältnisse. Für sie sind Frau und Mann wesensverschieden, aber nicht in dem Sinne, dass der Mann höher steht als die Frau, sondern sie versteht Mann und Frau als Ergänzung zweier Pole, die sich gegenseitig bereichern und unterstützen.


Aber zurück zum ländlichen Watzum und dem erweiterten Erziehungsinstitut in Neu-Watzum, gelegen vor den Toren Wolfenbüttels. Mittlerweile ist dem Institut ein Kindergarten im Fröbelschen Sinne zugeordnet, so dass die älteren Schülerinnen, die sich zu Erzieherinnen oder Kindergärtnerinnen weiterbilden wollen, hier ein praktisches Übungsfeld haben. Die erzieherischen Aktivitäten Henriette Breymanns und ihrer Geschwister werden in Wolfenbüttel interessiert aufgenommen. Es gründet sich ein „Verein für Erziehung“, der im Wolfenbüttler Schloss als erstes einen Kindergarten einrichtet und aufgrund regen Interesses folgt kurz danach die Einrichtung einer untersten Schulklasse. Henriette Breymann liegt das Projekt besonders am Herzen und sie unterstützt den Verein wo sie nur kann. So schließt sie ihren Kindergarten in Neu-Watzum um keine Konkurrenzsituation aufkommen zu lassen und verlegt auch ihre Lehrerinnenausbildungsklasse mit neun Schülerinnen ins Schloss, um für den Verein eine sichere Einnahmequelle zu erschließen, wie überhaupt alle Mitglieder der Breymannschen Familie sämtlichen Unterricht für den Verein unentgeltlich erteilen. Henriette Breymann lernt eine junge Wolfenbüttlerin kennen, Anna Vorwerk, die sich sehr für die auf Fröbel beruhende Arbeit interessiert und begeistert einsteigt und mitarbeitet.


In dieser Zeit höchster Aktivitäten trifft Henriette drei Schicksalsschläge: Ihre über alles geliebte Schwester Marie, mit der sie in besonderer Weise zusammengearbeitet hat, stirbt, kurz danach auch ihr Vater und ihre jüngste Schwester, die sie lange gepflegt hat. Zu ihrer Entlastung holt Henriette eine neue Lehrkraft, Berta Glöckner, an das Institut im Wolfenbüttler Schloss. Im Laufe der Zeit entwickeln sich Differenzen in der inhaltlichen Arbeit. Breymann besteht auf Fröbelsche Unterweisungen, Glöckner und Vorwerk streben eine verschultere Unterrichtsform an, auch mit dem Gedanken, die Schlossanstalten als anerkannte Schulanstalt zu etablieren. Die Situation spitzt sich zu und in einer dramatischen Sitzung verliert Henriette 1870 die Herrschaft über die Wolfenbüttler Schlossanstalten. Für sie bricht eine Welt zusammen, zumal auf der genannten Sitzung die Stimmenmehrheit durch plötzlich auftauchende neue Mitglieder zu ihren Ungunsten verändert wird.


Aber wie das im Leben so ist: In der Phase ihrer tiefsten Niederlage lernt sie ihren späteren Mann, Karl Schrader, kennen und lieben, geht mit ihm zwei Jahre später nach Berlin und etabliert dort in den Gründerjahren ihr bedeutendstes Lebenswerk, das „Pestalozzi-Fröbel-Haus“, das auch heute noch in Berlin-Schöneberg als Ausbildungsstätte für Sozialpädagogik /Sozialarbeit besteht.

Auf diese Zeit lebhaftester politischer wie sozialer Auseinandersetzungen in der expandieren den  Reichshauptstadt soll in einem weiteren Artikel näher eingegangen werden. Dabei geht es dann u.a. auch um ihren Bildungsansatz der „geistigen Mütterlichkeit“ und um ihre große Unterstützerin, die Kronprinzessin Victoria.



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