Dr. phil. Brigitte Augustin

bullet1 Henriette Schrader-Breymann: Ihr Werden und Wirken

bullet2 Henriette und die dänische Arbeitsschule

Henriette Schrader-Breymann – eine Pionierin sozialpädagogischer Arbeit

Verbindungen zur dänischen Arbeitsschule

Der nachfolgende Aufsatz stellt eine Fortsetzung des oben schon dargestellten Wirkens der Henriette Schrader-Breymanns dar. Dabei wird zunächst näher auf ihre Verbindungen zur dänischen Arbeitsschule und eingegangen. In diesem Zusammenhang danke ich meinem Mann, Rolf Augustin, für die ausführlichen Recherchen zu Rittmeister Jens Adolph Friedrich Clausson-Kås, dem im damals dänischen Langenfelde bei Altona geborenen Initiator der Arbeitsschule. Auch bin ich Kurt Jonas, Holbæk, Dänemark, zu Dank verpflichtet, der mir wertvolle Hintergrundinformationen geliefert hat. In Schrader-Breymanns Leben stellen die Ideen des Dänen Clausson-Kås zwar nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Wirkungsweise dar, doch interessiert dieser vielleicht in besonderem Maße die dänische Leserschaft.


Henriette Schrader-Breymann (1827 – 1899) wird von Friedrich Fröbel (1782 – 1852) in der Kindergartenarbeit ausgebildet und richtet im Herbst 1854 in Pfarrhaus ihres Vaters in Watzum und später in Wolfenbüttel eine Ausbildungsstätte für junge Mädchen und Frauen ein. Ihre Anstalt hatte einen weithin guten Ruf, so dass Schülerinnen und Interessierte aus den verschiedensten Ländern (Finnland, Österreich, England, Niederlande, Schweden u.a.) zu ihr reisten. Von Anfang an war ihr Wirken geprägt von einem außerordentlich tiefen Erziehungsverständnis, das seiner Zeit weit voraus war und auch heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Aufbauend auf einer gründlichen Erforschung menschlicher Entwicklungsprozesse, verbunden mit der ihr eigenen außerordentlichen Erziehungsfähigkeit schuf sie im Laufe ihres Lebens eine Ausbildungsanstalt, die theoretische Stoffvermittlung mit praktischen Vermittlungsanteilen verband. Sie setzte didaktische Maßstäbe und trug maßgeblich dazu bei, den heutigen Beruf der Erzieherin / Kinderpflegerin als eigenständigen Zweig weiblicher Berufstätigkeit zu etablieren. Dieser Weg in ihrer zweiten Lebenshälfte soll im Folgenden nachgezeichnet werden.


Im Alter von 44 Jahren heiratet Henriette Breymann den Assessor und Eisenbahndirektor Karl Schrader. Ein weltgewandter, umtriebiger, allseits beliebter Mann mit hohem sozialen Engagement und – im Gegensatz zu Henriette – einer strotzenden Gesundheit. Berufsbedingt zieht das Ehepaar 1872 nach Berlin. Da ist Berlin gerade ein Jahr Reichshauptstadt und entwickelt sich in der Folgezeit rasch zu einer Millionenstadt, in der das Ehepaar die Segnungen und die negativen Seiten einer Großstadt vorfindet. So gibt es im Berlin der 70er Jahre bereits eine öffentliche Wasserversorgung (seit 1856), Gasbeleuchtung in den Straßen (ab 1826 zuerst Unter den Linden), die Berliner Stadtpost mit mehr als 60 Annahmestellen (ab 1827), eine Eisenbahnstrecke von Berlin nach Potsdam (1838), Pferdeomnibuslinien (1839) und Pferde-Eisenbahn-Strecken (1865) und der Bau der Ringbahn in Berlin nimmt ihren Anfang (1871 – 1877).

Die große Wohnungsnot, in deren Folge sogar Straßenkämpfe zwischen Teilen der Bevölkerung und der Polizei stattfinden (um 1872), betrifft auch die Schraders. In der ersten Zeit müssen sie in einem Hotel logieren, bis sie in ihre erste Wohnung einziehen können. Dort führen sie den typischen Haushalt der gehobenen Mittelschicht mit Dienstboten und regelmäßigen Treffen mit hochgestellten Persönlichkeiten der Stadt.

Noch im Jahr 1872 wird Henriette Schrader-Breymann von den Verantwortlichen für einen Kindergarten angesprochen, der sich in einer äußerst schwierigen finanziellen und personellen Situation befindet. Wie viele Einrichtungen in dieser Zeit findet die Betreuung der Kinder übrigens in einem Hinterzimmer eines Lokals statt. Schrader-Breymann nimmt die Aufgabe an. Als erstes bildet sie junge Mädchen und Frauen zu Kindergärtnerinnen aus. Dann wird ein Haus angemietet, das die Schraders später erwerben. Der Kindergarten gewinnt immer mehr Zuspruch, so dass das erworbene Haus in der Steinmetzstraße schließlich vom Keller bis zum Dach dafür genutzt wird. Mit der Zeit erweitert sich die Einrichtung um eine Kinderspeisung, Kinderbaden, untere Elementarklassen, Arbeitsschule und später Kochschule.

Die Ideen zur Arbeitschule vertiefen die Schraders 1877 bei einem Besuch in Kopenhagen. Hier lernen sie die Bestrebungen des Dänen Clausson-Kås kennen. Dazu schreibt die Biografin Schrader-Breymanns, Mary Lyschinska:

„Im Jahre 1877 waren Karl Schrader und seine Frau auf einer Sommerreise in Kopenhagen und durch den Rittmeister Klausson-Kaas mit seinen Bestrebungen für die Erziehung zur Handfertigkeit bekannt gemacht, auch in Holland hatte Karl Schrader trotz seiner vielen Amtsgeschäfte die Arbeitsschule in Amsterdam besucht und eingehend darüber berichtet. Diesen Anregungen war es wohl zu verdanken, daß in diesem Herbst versuchsweise die „Arbeitsschule“ und eine „Vermittlungsklasse“ dem Kindergarten angegliedert wurden, und da sie beide sich bewährten, so wurden sie im folgenden Jahr auf Vereinskosten übernommen. Ein Berliner Lehrer, Herr Höhn, wurde vom Kultusministerium zur Ausbildung im Handfertigkeitsunterricht nach Dänemark geschickt, und er hielt nachher Kurse für Erwachsene im Schraderschen Hause, welche von vielen Mitgliedern des befreundeten Kreises besucht wurden. Karl Schrader gründete mit Hilfe guter Freunde den „Verein für häuslichen Gewerbefleiß“ in Berlin und wurde zum ersten Vorsitzenden berufen. Später wurden dem Handfertigkeitsunterricht neue Anregungen durch die Kurse in Nääs (d.V. nahe Gotenburg/Göteborg, Schweden) zugeführt. … Im Jahre 1878 wurde die „Arbeitsschule“ eingerichtet für Schulkinder; hier führten die Fröbelschen Beschäftigungen über zur wirklichen Arbeit, und in dieser Klasse lernten die Kinder auch häusliche Arbeit verrichten. Damit war die Anlage zum späteren „Hort“ gegeben.“


Zu diesem Komplex heißt es in Nordisk familjebok: „I Fröbels „kindergarten“ sysselsattes barnen till största delen med handarbete. – Men den nutida slöjdrörelsen i Tyskland har egentligen satts i gång efter skandinaviska föredömen. Sedan Dansk husflidsselskab väckt uppseende genom sina slöjdalster vid världsutstillningen i Wien 1873 och Clausson-Kaas genom föredrag på olika platser gjort propaganda för sina ideér, stiftades i Berlin 1876 Verein für häuslichen Gewerbefleiss och anordnade Clausson-Kaas 1880 i Emden en slöjdkurs för utbilding af lärare.”


Kurt Jonas (Forlaget Sprogbøger), langjähriger Lektor in Holbæk, half mit seiner E-Mail vom 18.11.2004 den Begriff husflid zu klären: „Der Begriff "Husflid" (Hausfleiss) baut auf einer alten Tradition unter nordischen Bauern, die in der dunklen Jahreszeit die Abende mit basteln, Handarbeiten und werken verbrachten. Es wurde genäht, gewoben, gestrickt, geschnitzt (Karvsnitteri). Es wurden kleine Haushaltsgegenstände wie Löffel aus Holz oder Kuhhorn gefertigt, oder der junge Freier schnitzte seiner Verlobten einen Bilderrahmen, ein Schmuckkästchen u.a.m. Ein paar sehr schöne Beispiele aus der letzteren Gattung sind in unserem Besitz.

In Schweden wird die Tradition weitergeführt und gefördert. Hier heisst es "Hemslöjd". Im pädagogischen Zusammenhang wird "sløjd" (von schwedisch slöjd, altnordisch slægd, auch husflid) in den 1880-er Jahren in Dänemark eingeführt. Es geht um das Werken, besonders mit Holz, aber auch mit Metall (metalsløjd). Zwei Richtungen, die des Lehrers Søren Meldgaard und die des Fabrikanten Aksel Mikkelsen. Beide holten ihre Inspiration in Schweden, hatten aber unterschiedliche Interpretationen. Meldgaards Anhänger gründeten die Sløjdschule in Askov, Mikkelsens Anhänger gründeten Dansk Skolesløjd. … Obligatorisches Fach in den dänischen Schulen mit dem 1937-er Schulgesetz.


Wie weitreichend die Gedanken des Clausson-Kås waren, wird auch im Folgenden deutlich. Nur ein Jahr nach ihrem Besuch in Kopenhagen unternahm Henriette Schrader-Breymann eine weitere Studienreise ins Ausland, und zwar nach England, der Heimat der deutschen Kronprinzessin Victoria, auf die später noch näher eingegangen wird. In einem Brief an ihren Mann schreibt Schrader-Breymann: „Ganz besonders interessiert sich die Kronprinzessin für die Pflege der Hausindustrie; Mr. Ellis, der die Sache von Klausson dort ins Leben gerufen, war der Kronprinzessin Lehrer in diesen Dingen und sie sprach so warm und dankbar über ihren Lehrer.“


Es lohnt sich also, etwas näher auf Clausson-Kås einzugehen. Über „Klausson-Kaas“, wie er bei Lyschinska benannt wurde, war in neueren deutschen Lexika nichts zu finden und auch die Suchmaschinen im Internet gaben zunächst nichts her. Erst nach Eingabe der korrekten Schreibweise wurde daraus Rittmeister Jens Adolph Friedrich Clausson-Kås, geb. am 16. Mai 1826 in Langenfelde.  Dem deutschen Ortsnamen nach zu urteilen, musste er in Deutschland geboren sein, auch seine Vornamen deuteten auf deutschen Einfluss hin. Aber welches „Langenfelde“ war es? Nach vielen Versuchen wurde klar, dass nur Hamburg mit seinem Stadtteil Altona, welches damals noch Sitz der dänischen Zollverwaltung war, gemeint sein konnte. Hier war sein Vater Zollbeamter. Clausson-Kås ging 1844, im Alter von 18 Jahren, nach Kopenhagen auf die „Landkadetakademi“. Während dieser Zeit als Offizier in verschiedenen Regimentern deutete noch nichts auf seine spätere Laufbahn als „husflidslærer“ hin. Erst nach seinem Abschied aus der militärischen Laufbahn wurde er gezwungenermaßen Lehrer. „Efter sin Afskedigelse ernærede han sig som Lærer og allerede i 1866 opprettede han, der fra ung var øvet i Haandgjerning, et Institut til Husflidens Fremme.”


Auch in Deutschland wurden die Früchte reif. „Rittmeister v. Clausson-Kaas hatte durch seine Vorträge und Ausstellungen auch im übrigen Europa, namentlich in Deutschland, Aufmerksamkeit erregt. Verschiedene Vereine für das Wohl der arbeitenden Klassen (Berlin, Waldenburg in Schl., Leipzig, Görlitz, Osnabrück etc) nahmen die Sache in die Hand, bei der Bekämpfung des Notstandes in Oberschlesien 1879/80 trat ihr auch die preußische Regierung näher und sandte 1880 eine Kommission von Schulmännern nach Dänemark und Schweden, um die dortigen Erfolge zu prüfen. Doch hatte der Staat eine allgemeine Einführung abgelehnt und die Sache der Vereinsthätigkeit anheim gestellt, welche an mehreren Stellen durch namhafte staatliche Zuschüsse unterstützt wird. Ein allgemeiner deutscher Verein zur Beförderung des Handfertigkeitsunterrichts wurde 1881 unter Vorsitz von A. Lammers in Bremen begründet. Derselbe hielt seine vierte Jahresversammlung 1884 in Osnabrück, wo von verschiedenen Seiten über erfreulichen Fortgang der Sache berichtet werden konnte.“


Soweit die Hintergrundinformationen zur Einführung der Arbeitsschule im Rahmen der von Schrader-Breymann geschaffenen Bildungseinrichtung. Sie selbst begründet ihr Anliegen folgendermaßen: „Die Erziehung zur Arbeit, die richtige Lenkung des Arbeitstriebes im Kinde, sobald derselbe im Kinde erwacht, wird den Mittelpunkt dieser Fortbildungsschule bilden.“



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