Dr. phil. Brigitte Augustin

bullet1 Henriette Schrader-Breymann: Ihr Werden und Wirken

bullet2 Berliner Jahre

Henriette Schrader-Breymann – eine Pionierin sozialpädagogischer Arbeit

Berliner Jahre


Am Ende des ereignisreichen Jahres 1877 lernt Henriette Schrader-Breymann die Kronprinzessin Victoria und spätere Kaiserin Friedrich (1840 – 1901) kennen. Die aus England stammende, sozialen Themen aufgeschlossene, moderne Kronprinzessin und die engagierte Pädagogin verstehen sich sofort. Schrader-Breymann schreibt über diese erste Begegnung: „Es scheint mir recht sehr der Mühe wert, die Beziehung mit dieser Frau, abgesehen von ihrer Stellung, zu pflegen; ich habe mich kaum je in Berlin mit einer Dame so gut unterhalten wie mit ihr.“  Die Kronprinzessin Victoria und Schrader-Breymann treffen sich fast wöchentlich zur gemeinsamen Teestunde. Sie diskutieren die sozialen Probleme ihrer Zeit und die Kronprinzessin wird zur wichtigen Förderin.



Das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin (2004)


Rasch entwickelt sich aus den kleinen Anfängen eine Bildungsinstitution. Im Jahr 1888 fasst Schrader-Breymann in einer kleinen Schrift zusammen, was nunmehr alles in der Steinmetzstraße angesiedelt ist: „Die Anstalt umfasst jetzt einen Volkskindergarten mit Vermittlungs- und Elementarklasse, bis zum vollendeten siebenten Jahre reichend, Altersklassen für Knaben und Mädchen bis zum vollendeten achten Jahre, ferner eine Koch- und Haushaltsschule, sowie ein Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen, Leiterinnen von Kindergärten etc. für verschiedene Bildungsstufen des weiblichen Geschlechts. Verbunden mit der Anstalt ist noch ein Pensionat für Schülerinnen des Seminars und der Kochschule.“


Schrader-Breymann nennt ab dem Jahre 1880 Ihre Anstalt „Pestalozzi-Fröbel-Haus“. Durch die Namensgebung macht sie den inhaltlichen Anspruch an ihre Arbeit deutlich. Die Fröbelschen Ideen und Materialen zur Kindererziehung hatte sie ja bereits in ihrem einjährigen Aufenthalt bei Fröbel kennen gelernt. In den ersten Monaten ihrer Berliner Zeit studiert sie zudem ausführlich die Schriften Johann Heinrich Pestalozzis (1746 – 1827). Daraus gewinnt Schrader-Breymann die Erkenntnis, dass „Fröbel ohne Pestalozzi nicht denkbar“ wäre. Für sie basiert nunmehr die Fröbelsche Erziehung auf der von Pestalozzi beschriebenen Anschauung vom menschlichen Wesen, d.h., „daß man den Körper von vornherein als Material, nicht als Futteral des Geistes behandeln soll, und daß die ausübende Tätigkeit des Kindes gleicher Beachtung, gleicher Leitung bedarf, wie die aufnehmende; daß man den Gestaltungsstoff für das Kind zu ordnen hat, wie den Lernstoff.“


Ein weiteres Beispiel für die Grundlage Pestalozzis für die „Fröbelei“ (wie Henriette es nennt) ist Pestalozzis Gedanke zur bildenden Kraft des Familienlebens – ein tragender Gedanke für Schrader-Breymanns Wirkungsweise: „Das häusliche Leben ist nur insofern bildend, als die Personen, durch die ein Haus gegründet, selbst häuslich gebildet sind.“ Weiter erläutert Schrader-Breymann selbst: „So kann das wahre, edle Weib bis zu einem gewissen Grade die Bedeutung des Familienlebens schaffen … Und auf dieser geistigen Freiheit des Menschen beruht die Möglichkeit, ein Stück Familienleben in die öffentliche Erziehung zu verpflanzen.“


Schrader-Breymann entwickelt in ihrer pädagogischen Arbeit ein fein differenziertes Bildungskonzept, in dem genau festgelegt ist, in welchem Alter welche Kinder was tun und in welcher Reihenfolge. Beispielhaft sei hier der so genannte „Monatsgegenstand“ erwähnt. Hier lernen die Kinder, dass alles aufeinander bezogen und ineinander verwoben ist. Sie gehen z.B. in den Wald, hören, riechen, fühlen was der Wald zu bieten hat. Singen entsprechende Lieder, malen und kneten zum Thema „Wald“ und schmücken letztlich den Weihnachtsbaum.


Einen regelmäßigen Kontakt unterhält Schrader-Breymann mit Helene Lange, einer engagierten Vertreterin der gemäßigten deutschen Frauenbewegung. Auch wenn Schrader-Breymann nicht eingetragenes Mitglied ist, so engagiert sie sich doch in gemeinsamen Projekten. So unterschreibt sie gemeinsam mit Helene Lange und anderen Frauen eine Petition an das Abgeordnetenhaus, in der es „um die Vorbereitung und Zulassung der Lehrerin zu den mittleren und oberen Klassen in öffentlichen Mädchenschulen“ geht. Als Beilage zu dieser Petition wird die so genannte „gelbe Broschüre“ herausgegeben. In seiner Zeit ein Blatt, das Aufsehen erregt, weil scharfzüngig gegen die Vormachtstellung männlicher Lehrkräfte argumentiert wird.


Schrader-Breymann vertritt eine dualistische Auffassung der Geschlechter, allerdings nicht in dem Sinne einer Unterordnung der Frau unter den Mann, sondern im Sinne einer Ergänzungstheorie versteht sie das Verhältnis Mann/Frau als ein harmonisches Zusammenführen zweier Pole zu einem sich ergänzenden Ganzen.


Sie greift den schon von Joachim Heinrich Campe (1746 – 1818) und anderen männlichen Geistesvertretern gefassten Gedanken einer allen Frauen innewohnenden Fähigkeit zur Bildung und Erziehung der Kinder auf und prägt den Begriff der „geistigen Mütterlichkeit“. Mit ihren Worten wird deutlich, wie weit sie diesen Begriff fasst - bis hin zur geachteten Berufsarbeit: „Es ist mir hier so ganz klar geworden, welche große, wichtige Arbeit es ist, die von den großen Männern geahnte und geplante Frauenbildung immer mehr praktisch zu machen. Wir haben die Anfänge dazu in der Steinmetzstraße; aber nur die Anfänge, und ich habe mich entschlossen meine Kraft auf diese Anstalt zu konzentrieren: Die Frau zu erziehen zur geistigen Mütterlichkeit – zur Mutter im sozialen Leben so gut wie früher das eigene Haus. Ihre Stellung wird je nach Alter, Gaben, Stand und Verhältnissen eine verschiedene sein; aber sie muß nach und nach – und das werde ich nicht mehr erleben – gerade in der Gemeinde eine ganz andere Wirksamkeit entfalten, teils freiwillig, teils als besoldete Beamtin.“


Dies sind auch die Themen, mit denen sich die gemäßigte bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland befasst, die das von Fröbel und Schrader-Breymann postulierte idealisierte Mütterlichkeitsbild übernimmt. Damit wird eine bis in heutige Tage hineinwirkende Festschreibung weiblichen Rollenverständnisses grundgelegt, das ein Berufsfeld für Frauen postuliert, welches ausgerichtet ist an den weiblichen Fähigkeiten mütterlicher Liebestätigkeit.


Henriette Schrader-Breymann wird in ihrem Leben von ständigen Erschöpfungszuständen und schwerwiegenden Krankheiten begleitet. Kurz vor ihrem Tod kann sie noch erleben, wie eine Gönnerin in Berlin-Schöneberg ein Grundstück kauft und darauf das aus den Nähten platzende Pestalozzi-Fröbel-Haus in der Steinmetzstraße in großzügiger Umgebung neu aufgebaut wird. Die Einweihung kann sie nicht mehr erleben, doch hat sie durch die von ihr geschaffenen Ausbildungsmöglichkeiten für junge Mädchen und Frauen den Grundstock für ein Fortdauern ihrer Arbeit gelegt, denn auch heute noch ist hier eine Ausbildungsstätte für Sozialarbeit / Sozialpädagogik angesiedelt. Am 25. August 1899 stirbt sie nach längerer Krankheit. Die Kronprinzessin Victoria und Helene Lange ehren mit dankbaren Worten das Leben dieser engagierten, immer gegen ihre Leiden ankämpfenden Frau, die maßgebend dazu beigetragen hat, Frauen eine anerkannte Berufstätigkeit zu ermöglichen.


Ein Gedanke aus ihren späten Lebensjahren soll für diesen kleinen Artikel als Abschluss herangezogen werden:


„Mein Weg war lang, durch tausend Umwege mühselig –

aber darin liegt ein Stück Erkenntnis des Lebens, das andern zugute kommt.“



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